Zu Gast und doch zu Hause: Vier Hurricane-Veteranen erzählen, was das Festival für sie und die Region bedeutet

24.03.2026

Detlev Kaldinski grinst breit und stellt die Kaffeetasse erst mal wieder auf den Tisch. „Das Festival-Fiasko 1977 und 20 Jahre Ruhe am Eichenring – und dann will Folkert Koopmans ausgerechnet in Scheeßel wieder ein Festival machen. Da war einiges an Überzeugungsarbeit nötig.“ Die Runde nickt und schüttelt angesichts der unvergleichlichen Erfolgsgeschichte ihre Köpfe. Gemeinsam mit Detlev sitzen Bernd Braumüller, Bobby Meyer und Reinhard Lüdemann von der Kulturinitiative Scheeßel am Tisch der Bäckerei Schrader direkt im Ortskern. Schrader liefert den Festivalbesuchern übrigens jedes Jahr die Brötchen, was ganz gut zeigt, worum es in unserem Gespräch eigentlich geht: um kurze Wege, Zusammenarbeit, Zusammenhalt – und Erinnerungen, die ein ganzes Leben bleiben.

Mit dem Fiasko meint Detlev das First Rider Open Air, das es unter anderem mit einer brennenden Bühne und einem Veranstalter, der sich mit den Einnahmen absetzen wollte, in die Tagesschau geschafft hat. Auch wenn die Messlatte für eine professionelle Zusammenarbeit also nicht besonders hoch lag, tat sich unter ihr eine breite Kluft auf: Das Vertrauen in Festivals war zu Recht zerstört und musste von Folkerts Team mühevoll wieder aufgebaut werden. Dass das gelungen ist, ist hinlänglich bekannt, und zwar nicht nur in Scheeßel. „Wenn du heute sagst, dass du aus Scheeßel kommst, freuen sich die Leute; ganz egal, ob du irgendwo in Deutschland oder im Urlaub bist“, erzählt Bernd, dessen Hotel dem Gastro-Team des Festivals seit Jahren eine liebgewonnene Zuflucht ist. „Mit den jungen Gästen hatte ich übrigens nie ein Problem, die benehmen sich besser als viele andere.“

Bernd Braumüller, Bobby Meyer, Detlev Kaldinski und Reinhard Lüdemann tauschen Anekdoten aus - und wie es im Dorf halt immer so ist, bleiben sie dabei nicht lange allein.

Bernd Braumüller, Bobby Meyer, Detlev Kaldinski und Reinhard Lüdemann tauschen Anekdoten aus - und wie es im Dorf halt immer so ist, bleiben sie dabei nicht lange allein.
 

Bobby nickt und lacht. „Über Vernunft und Ordnung gibt es sicherlich unterschiedliche Ansichten. Ich fand ein bisschen Chaos eigentlich immer ganz reizvoll.“ Heute sei das Festival im Ort weniger spürbar als damals, was allerdings gute Gründe hat: Die Organisation hat sich über die Jahre im Dialog mit den Scheeßelern immer weiter verbessert, und abseits des An- und Abreiseverkehrs gehören größere Beeinträchtigungen durch Lärm oder Scharen durstiger Musikfans im Ortskern schon lange der Vergangenheit an. Detlev, der als ehemaliger Polizeihauptkommissar lange Jahre die Einsätze der Festivalpolizei organisiert hat, stimmt dem zu. „Meine liebsten Erinnerungen haben daher auch meist nichts mit meiner Uniform zu tun.“ Die spontane Organisation einer Bachblütentherapie für eine Headlinerin oder ein paar gemeinsame Biere mit Dave Matthews gehören beispielsweise dazu, auch wenn Detlev erst nach einiger Zeit gemerkt hat, mit wem er überhaupt spricht. Matthews hat das übrigens nicht gestört.

Reinhard lacht über diese Geschichte – wahrscheinlich, weil ihm das garantiert nie passiert wäre. Der Scheeßeler, den alle hier „Luffy“ nennen, ist gemeinsam mit Musiker Bobby als Entertainer in der Region unterwegs und mit seinen von Hand kuratierten Timetables eine Art Tastemaker für seinen Freundeskreis. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein dicker grüner Ordner mit handgeschriebenen Notizen: Die Line-ups der vergangenen Jahre, jeder Act fein säuberlich nach Zeit und mit persönlichen Empfehlungen vermerkt. „Ich verpasse so gut wie keine Band vor Ort. Meine Listen gebe ich mittlerweile sogar im Ort weiter.“ Dass das Line-up in 30 Jahren Hurricane vielfältiger geworden ist, findet er gut. „Man findet immer was für sich, und musikalische Überraschungen sind die besten.“

Das findet wieder Zustimmung in der Runde, wobei: Vielleicht sind die unzähligen kleinen Geschichten, die unsere Gäste in 30 Jahren bei uns erlebt haben, mindestens genauso wichtig. Ganz zu schweigen von einer wirklich partnerschaftlichen und vertrauensvollen Zusammenarbeit, die Scheeßel, Westervesede und die Region einmal im Jahr zu einem Zentrum der internationalen Musikwelt macht. An dieser Stelle vielen Dank dafür. Wir sind zwar zu Gast, fühlen uns aber schon lange wie zu Hause.

Veranstaltungstipp:  Unter dem Titel „Like a Hurricane“ bringt die Sottrumer Rock-Bigband Wildes Blech ein Programm auf die Bühne, das Rock- und Metal-Klassiker in mitreißenden Bläser-Arrangements neu erlebbar macht. Da wir schon im Titel auftauchen, unterstützen wir das Konzert gerne mit einer Spende. Karten und Infos gibt es hier: 2026 Wildes Blech: "Like a Hurricane" - Kulturinitiative Scheeßel