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S05F05 | Boviy und Liska sind zwei Künstlerinnen, denen wir zuhören sollten

Jonas Rohde
Jonas Rohde
29.05.2026
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Zwei Künstlerinnen, zwei ganz unterschiedliche Sounds, aber eine gemeinsame Haltung: Liska und Boviy stehen für eine Generation von Acts, die nicht einfach nur gehört, sondern verstanden werden will. Beide haben unseren FLINTA*-Contest „Gamechanger“ gewonnen und sich damit einen Slot auf zwei der größten Festivalbühnen Deutschlands gesichert: Boviy beim Hurricane, Liska beim Southside Festival.

 

In dieser Folge sprechen wir mit ihnen über ihren Sound, ihren kreativen Prozess und darüber, wie Musik gesellschaftliche Veränderung anstoßen kann. Es geht aber auch um die Frage, warum ein Contest für FLINTA*-Acts heute wichtig ist – und warum wir hoffentlich irgendwann keinen mehr brauchen.

Transkript: Game Changer – Liska & Boviy

Intro

00:01 – Moderation
Zwei Künstlerinnen, zwei ganz unterschiedliche Sounds, aber eine gemeinsame Haltung: Liska und Boviy stehen für eine Generation von Acts, die nicht einfach nur gehört, sondern verstanden werden will.

Beide haben unseren FLINTA*-Contest Game Changer gewonnen und sich damit einen Slot auf zwei der größten Festivalbühnen Deutschlands gesichert: Boviy beim Hurricane und Liska beim Southside Festival.

00:23 – Moderation
In dieser Folge sprechen wir mit ihnen über ihren Sound, ihren kreativen Prozess und darüber, wie Musik gesellschaftliche Veränderungen anstoßen kann. Es geht aber auch um die Frage, warum ein Contest für FLINTA*-Acts heute wichtig ist – und warum wir hoffentlich irgendwann keinen mehr brauchen.

00:41 – Moderation
Nach der Folge lohnt sich ein Blick in die Shownotes. Dort könnt ihr direkt reinhören und euch selbst davon überzeugen, warum Boviy und Liska Game Changer gewonnen haben.

Freut euch auf zwei aufregende Künstlerinnen, auf neue Musik und natürlich auf ihre Auftritte beim Hurricane und Southside Festival.

00:57 – Moderation
Wir starten im Süden bei Liska. Ich wünsche euch viel Spaß mit dieser Folge.


Gespräch mit Liska

01:04 – Moderation
Liska, schön, dass du dir die Zeit genommen hast.

01:12 – Liska
Hallo, ich freue mich sehr.

01:14 – Moderation
Es freut mich sehr, dass du gewonnen hast. Ich habe mir deine Musik angehört und bin immer noch mega geflasht, dass ich dich live auf dem Southside sehen werde – und vor allem hören werde. Gehört habe ich dich schon sehr häufig, aber bisher natürlich nur am Laptop.

Du wirst auf dem Southside spielen. Wie bist du zu uns gekommen? Kannst du kurz erzählen, wie du auf uns und auf den Game Changer Contest aufmerksam geworden bist?

01:36 – Liska
Tatsächlich kam das über mein Management. Ich wusste anfangs sogar nicht mal etwas davon. Irgendwann habe ich eine Nachricht bekommen, dass ich in der nächsten Runde bin, und dachte nur: „Warte mal, wie?“

Die haben mich sozusagen ein bisschen heimlich angemeldet, weil sie wussten, dass ich mich sehr freuen werde. Das Southside ist für mich sehr heimatverbunden und das größte Festival in meiner Heimat beziehungsweise in der Gegend.

Ich habe mich sehr gefreut. Ich glaube, sie wussten, dass ich mich freuen werde, wenn es so weit ist, wollten mir aber den Überraschungseffekt überlassen. Da hatten sie auf jeden Fall recht. Dann ging die Votingrunde los, ich habe gewonnen und jetzt freue ich mich sehr.

02:26 – Moderation
Das war also eine gelungene Überraschung. Verstehe ich das richtig: Kennst du das Southside vielleicht sogar als Gast?

02:31 – Liska
Tatsächlich. Ich war als Gast bisher nur auf zwei Festivals in meinem Leben, weil ich in diesem Corona-Teenie-Jahrgang war. Das Southside war das einzige große Festival. Ich war noch auf dem Campus Festival in Konstanz, aber das Southside ist eigentlich das einzige Festival in dieser Größe, das ich jemals als Gast erlebt habe. Deswegen ist es für mich noch mehr ein Full-Circle-Moment.

02:59 – Moderation
Ja, das wollte ich gerade sagen: schon so ein Full-Circle-Moment. Und beim zweiten Mal dann gleich selbst auf der Bühne – das macht, glaube ich, auch nicht jede*r.

Worauf können wir uns denn freuen, wenn du beim Southside Festival auf der Bühne stehst? Weißt du schon, was du machst? Wird das minutiös geplant oder bist du eher spontan?

03:16 – Liska
Es wird auf jeden Fall geplant. Geplant ist es gerade noch nicht, aber man kann sich auf jeden Fall auf mich und meine wundervolle Band freuen.

Wir haben Anfang des Jahres meine erste Tour gespielt, und ich glaube, das, was in diesem Tourkontext passiert ist, werden wir versuchen, auch auf die Southside-Bühne zu bringen.

Ich glaube, dass man von mir oft denkt, dass meine Sets sehr traurig sind. Das halte ich aber für ein Gerücht. Bei mir ist wirklich von allem ein bisschen etwas dabei: Es wird getanzt, gesungen, gelacht, aber auch geweint und geschrien.

Wir haben immer ein paar Female-Rage-Songs dabei. Die werden auch ihren Platz auf dem Southside Festival finden. Ich hoffe außerdem sehr, dass es vielleicht einen Special Guest geben wird – das müssen wir noch sehen. Ansonsten habe ich einfach richtig Bock, diesen Tag gut einzuläuten und schon viel Stimmung auf die Bühne zu bringen.

Ich glaube, das wird pretty lit – aber das müsst ihr dann selbst sehen.

04:26 – Moderation
Das werden wir auch, darauf kannst du dich verlassen. Das klingt nach einem Plan.

Was du gesagt hast – dass man dir eher nachdenkliche, traurige Sets unterstellt – könnte ja gar nicht ferner von der Realität sein. Natürlich hast du solche Songs, aber bei einem Song wie „Egal“ beispielsweise hat mir gerade gut gefallen, dass der Text zwar nicht positiv ist, aber trotzdem eine Kraft entwickelt. Auch im Text, aber vor allem in der Musik, die total nach vorne geht.

Deshalb kann ich nur jedem und jeder empfehlen, dich vor der Bühne aufzusuchen.

Wie hat denn deine Karriere angefangen? Jetzt hast du einen Plattenvertrag in der Tasche und spielst auf einem der größten Festivals Deutschlands. Aber wie war es, als noch niemand deinen Namen kannte und du gerade mit der Musik angefangen hast?

05:09 – Liska
Der ursprüngliche Ursprung – ja, der ursprüngliche Ursprung – ist meine Familie. Meine Eltern haben eher aus einem christlichen Kontext heraus Musik gemacht. Sie hatten eine Kirchenband, die „Um Himmels Willen“ hieß. Dadurch kam ich mit Musik in Berührung.

Bei mir war es aber eher so, dass ich in der Grundschule schon sehr früh schreiben konnte. Ich habe immer Geschichten, Bücher und Kurzgeschichten geschrieben.

Mit neun habe ich Geige und Klavier gespielt und angefangen, Popmusik zu hören. Dann hat sich das vermischt und ich dachte: Eigentlich kann ich meine Geschichten auch singen.

So bin ich meine ganze Pubertät über ins Songwriting gegangen – damals alles auf Englisch. Für mich war irgendwie immer klar, dass ich das machen werde. Ich hatte zwar keine Ahnung, wie, aber ich war sehr überzeugt davon.

Dann hatte ich sehr großes Glück, weil ein A&R von Sony durch Zufall auf mein Instagram aufmerksam geworden ist und diese paar Mini-Demos gehört hat, die ich dort so vor mich hin gepostet habe.

Mit 17 habe ich dann angefangen, da reinzustarten und zu schauen, was passiert. Das hat sich in den letzten Jahren entwickelt.

06:36 – Moderation
Dann bist du vielleicht sogar um das Gespräch mit deinen Eltern herumgekommen, in dem sie fragen: „Bist du dir sicher, dass du Musikerin werden willst?“ Schließlich konntest du sofort mit Sony in der Tasche aufwarten. Oder haben sie dich unterstützt?

06:53 – Liska
Ich weiß nicht, ob Sony oder der Name so ein Grund war. Ich würde sogar sagen, dass meine Eltern zu dem Zeitpunkt damit gar nicht so viel anfangen konnten.

Ich glaube, ihre größere Angst war eher, dass ich superjung war und noch zur Schule ging. Für sie war klar: Dann zieht Liska sofort nach Berlin und lässt alles stehen und liegen. Sie hatten eher Angst vor der Stadt und vor einem Berufsfeld, von dem sie selbst gar keine Ahnung hatten.

Aber ich wurde auf jeden Fall unterstützt. Sonst hätte ich das alles nicht in dieser Art machen können. Ich glaube, vor allem meine Mutter hat schon immer sehr darauf vertraut, dass ich weiß, was ich mache.

Natürlich haben sich gewisse Dinge noch mal geändert und gewisse Fehler sind passiert. Aber sie haben mir sehr vertraut und versucht, mir das zu ermöglichen. Dafür bin ich ultra dankbar.

07:58 – Moderation
Sind deine Eltern dann auch dabei, wenn du bei uns spielst? Auf deinen Konzerten sind sie wahrscheinlich sowieso.

08:04 – Liska
Meine Mutter würde gerne kommen. Als ich damals als Gast auf dem Southside war, hat sie mich natürlich hingefahren. Sie sagt die ganze Zeit, sie kann sich nur noch an diesen riesigen Parkplatz erinnern und bekommt jetzt schon Angst, weil sie nicht weiß, wie sie mich dort finden soll.

Deswegen müssen wir mal schauen, wie man Mutti an die Stage bringen kann. Aber meine Geschwister werden auf jeden Fall kommen, dazu weitere Familie und Friends, die sowieso vor Ort sind. Darauf freue ich mich sehr.

08:35 – Moderation
Du hast vorhin etwas Interessantes gesagt: Du hast früh angefangen zu schreiben. Wenn ich das richtig verstanden habe, war das Schreiben bei dir zuerst da.

Ist es heute immer noch so, dass bei neuen Songs zuerst der Text da ist und dann die Musik? Oder kann es auch umgekehrt sein?

08:58 – Liska
Ich würde schon sagen, dass Text eher das Erste ist. Vielleicht nicht unbedingt Text, aber die Idee. Ich gehe sehr nach Thematiken für Songs.

Viele Artists haben ja ihre Notizen-App, in der ganz viele Songlines stehen. Bei mir sind es eher Songideen: Was soll grob in diesem Song vorkommen?

Wenn ich diese Idee habe und im Studio bin, überlege ich meistens: Welche Musik braucht dieser Song für mich, damit die Musik das, was im Song vorkommt, unterstreicht oder sogar verstärkt?

Ich glaube, deswegen haben meine Songs auch teilweise sehr unterschiedliche Instrumentalsachen. Ich versuche mit jedem Song, die Geschichte dieses Songs zu erzählen – und nicht unbedingt immer das große Ganze, den „Liska-Song“ oder die große Liska-Mediathek.

Deswegen ist Text für mich auf jeden Fall wichtig. Da kann ich mich am meisten ausleben.

10:06 – Moderation
Das hört man sofort. Die Musik ist natürlich auch geil, aber bei den Texten dachte ich schon: Wow, das klingt, als hätte sich jemand richtig Gedanken gemacht. Wie ein vertontes Gedicht.

Schreibst du gerade auch an neuen Geschichten? Was passiert bei dir, wenn du nicht gerade Nachwuchswettbewerbe gewinnst, ohne davon zu wissen? Hast du noch andere Projekte am Start oder Sachen, an denen du arbeitest?

10:30 – Liska
Wenn dieses Gespräch ausgestrahlt wird, ist gerade meine EP rausgekommen: „Es ist okay, dass du fühlst“.

Die hat mich das letzte Jahr – vor allem das letzte halbe Jahr – sehr krass begleitet und war ein großer Wendepunkt für mich. Deswegen freue ich mich sehr, dass sie jetzt rauskommt und Menschen einen kleinen Teil davon miterleben können. Das ist gerade das größte Ding, das passiert beziehungsweise passiert ist.

11:03 – Moderation
Das ist ja schon groß. Kurz für die Hörerinnen und Hörer: Diese Folge geht wahrscheinlich Ende Mai raus. Wann genau, wissen wir noch nicht, aber ungefähr in diesem Zeitraum. Deine EP kommt kurz davor raus – wann genau?

11:17 – Liska
Am 22. Mai.

11:20 – Moderation
Am 22. Mai. Das heißt, man kann nach diesem Podcast direkt rübergehen und eine gute EP hören. Wir haben ja Shownotes, da ist Platz für Links. Dann können wir das direkt reinpacken.

Wir haben gerade schon viel über deine Texte gesprochen und darüber, wie du an Songwriting herangehst. Ich habe auch gehört, dass dir deine Fans Blumen an die Bühne bringen, was einen textlichen Bezug zu einem deiner Songs hat.

Du machst sehr persönliche Musik und hast viele Botschaften, die vielen Menschen Kraft geben. Ist das gewollt? Hast du eine Botschaft, die dir besonders wichtig ist – etwas, das du deinen Hörerinnen und Hörern mitgeben möchtest?

12:19 – Liska
Ich finde es immer schön, durch Gespräche oder auf Tour zu erfahren, welche Lines sich Fans aus den Songs herausziehen und was diese für sie bedeuten. Alle haben ganz andere Textzeilen, die ihnen weiterhelfen.

Ich glaube aber, aktuell ist es tatsächlich auch der EP-Name: „Es ist okay, dass du fühlst“. Das ist eine Sache, die die Fans und mich sehr stark verbindet. Mir wird oft gesagt, dass ich etwas ausspreche, was viele denken und fühlen, aber selbst nicht in Worte fassen können.

Ganz allgemein – übergreifend zu meinen Songs, aber auch live – ist für mich das Wichtigste: Es ist okay, was wir alle fühlen. Wir dürfen diese Dinge fühlen.

Es sollte Momente geben, zum Beispiel auf einem Festival oder auf einer Tour, in denen wir das kurz rauslassen können und gemeinsam mit anderen Menschen merken: Wir sind nicht allein. Wir können alle zu diesen Songs relaten – manche sind thematisch heftiger, manche weniger.

Nach dem Moment, in dem wir alle geweint haben, liegen wir uns wieder in den Armen. Bei meinem Song, der auch der Titelsong ist, liegen sich teilweise Reihen fremder Menschen in den Armen und halten sich fest, um diesen Abschluss, dieses Gefühlschaos gemeinsam zu erleben.

Deswegen glaube ich: Stand jetzt ist es für mich wirklich „Es ist okay, dass du fühlst“.

Natürlich sind Songs wie „Hungerspiele“ oder „Mich hat man nicht lieb“ auch Thematiken, die mir sehr wichtig sind und die ich mitgeben möchte. Aber „Es ist okay, dass du fühlst“ greift irgendwie in alles über. Das ist die Line für mich.

14:16 – Moderation
Du hast einen Plattenvertrag in der Tasche und dir mit verschiedenen Musikgrößen schon die Bühne geteilt. Was kommt als Nächstes – nach dem Southside? Hast du einen Plan, tüftelt ihr an einer konkreten Zukunft oder lässt du weiterhin alles auf dich zukommen?

14:37 – Liska
Ich lasse auf jeden Fall alles auf mich zukommen. Ich lasse eigentlich immer alles auf mich zukommen.

Mein großer Traum für die nächsten Jahre ist es, mein Debütalbum zu schreiben. Das ist auf jeden Fall ein großes Ziel und ein großer Traum.

Sonst hoffe ich aktuell einfach, dass alles so weitergeht, wie es gerade ist. Es ging mir, Stand jetzt, glaube ich, noch nie so gut mit mir, meiner Musik und diesem Beruf. Ich war noch nie so nah an mir und all dem wie zurzeit.

Ich hoffe einfach, dass es so weitergeht, dass ich so weitermachen kann und dass immer wieder Menschen dazukommen oder bleiben.

Ich setze mir in meinem Leben allgemein keine riesigen Ziele, weil ich gerne einfach auf dem Weg bin und schaue, was reinkommt. Dann bin ich möglichst offen dafür, was passieren kann – wie zum Beispiel heimlich hier angemeldet zu werden.

Das ist irgendwie total schön daran.

15:53 – Moderation
Ich glaube, diese Spontanität ist auch eine sehr gesunde Einstellung. Es kann wirklich alles passieren – und plötzlich steht man auf der Festivalbühne.

Der Game Changer Contest ist ja nicht einfach nur ein Contest, sondern ein Contest für FLINTA*-Personen. Deshalb möchte ich das Thema in diesem Podcast natürlich nicht verschweigen. Diversität in der Musikbranche ist mega wichtig und auch für uns ein Thema, das uns umtreibt. Unser Line-up verändert sich in dieser Hinsicht sehr, und der Game Changer ist ein weiterer Versuch, noch mehr Nachwuchs in diese Richtung zu fördern.

Darf ich dich deshalb auch fragen, wie es dir als Frau in der Musikbranche geht? Ist das ein Thema, das dich stark beschäftigt, oder sagst du: Für mich war bisher eigentlich alles in Ordnung?

16:36 – Liska
Nein, das ist auf jeden Fall ein Thema, das mich stark beschäftigt. Ich bin auch mit vielen anderen FLINTA*-Artists befreundet, und das ist, glaube ich, eine Thematik, die uns alle sehr beschäftigt. Wir haben alle einzelne und teilweise auch Gruppenerfahrungen gemacht.

Die Frage ist immer sehr groß, weil es so viele verschiedene Bereiche innerhalb der Industrie und der Musikwelt gibt, in denen sich viel verändern muss.

Ich sage aber auch immer: Ich finde, es hat sich schon viel verändert. Zum Beispiel im Festivalkontext – und der Game Changer Contest ist ein Teil dieser Veränderung.

Natürlich wünschen wir uns am Ende des Tages alle, dass man einfach so gebucht wird und es diese Extra-Slots in unterschiedlicher Art und Weise nicht mehr geben muss. Aber der Fakt ist: Es muss sie gerade geben.

Es muss auf irgendeine Art und Weise Sichtbarkeit geschaffen werden, damit es aufhört, dass Menschen denken, es gebe nicht genug FLINTA*-Artists oder nur in diesem oder jenem Genre. Das stimmt einfach nicht.

Ich glaube, dieser Contest – und solche Contests allgemein – sind ein guter Weg dahin. Ich bin aber felsenfest davon überzeugt, dass das nicht das Ziel ist.

Ich habe vielleicht diesen Contest gewonnen, aber trotzdem konnten Menschen auch die anderen Teilnehmerinnen kennenlernen und hoffentlich reinhören. Wenn nicht: Dann macht das jetzt definitiv. Das ist auf jeden Fall ein großer Punkt, zumindest in diesem Live-Ding.

18:20 – Moderation
Ich schließe mich dir vollends an. Vielleicht haben wir irgendwann in ein paar Jahren gar keinen Game Changer Contest mehr – nicht, weil der Contest nicht gut ist oder keine gute Musik zutage gefördert hätte, sondern weil wir ihn einfach nicht mehr brauchen.

18:32 – Liska
Weil wir das Game gechanged haben.

18:36 – Moderation
Das ist die etwas großspurige Ankündigung des Namens. Aber es ist klar, dass wir das nicht alleine machen können. Wie du schon sagst: Die Musikindustrie besteht aus so vielen Teilbereichen. Da müssen wir alle an einem Strang ziehen.

Meine Hoffnung ist, dass wir das in ein paar Jahren gar nicht mehr brauchen. Aber klar ist auch: Der Contest wird nicht gewonnen, weil man irgendeine Identität besitzt, sondern weil man gute Musik macht. Punkt. Fertig.

Bei dir gibt es natürlich keine zwei Meinungen, dass uns das geglückt ist.

Jetzt kommt eigentlich der Moment im Gespräch, in dem wir überlegen können, was ich nicht gefragt habe, was dir aber wichtig ist. Wenn die Antwort „Nein“ ist, ist alles cool. Aber vielleicht gibt es noch Dinge, Pläne, Wünsche oder etwas, das du immer mal loswerden wolltest – Dinge, auf die du dich konkret freust. Und wenn es nur das Kaltgetränk nach deinem Auftritt ist.

19:35 – Liska
Meinst du auf dem Festival?

19:37 – Moderation
Ja, auf dem Festival oder bei deinen anderen Auftritten.

19:42 – Liska
Ich habe auf jeden Fall vergessen zu erwähnen, dass ich im Herbst auf meine zweite Tour gehe. Das wollte ich noch kurz sagen.

Es ist die Tour zur EP „Es ist okay, dass du fühlst“, in die ihr hoffentlich jetzt gleich alle reinhört – und dann gerne kommt.

Im Kontext Southside freue ich mich unfassbar auf The Beaches. Deren Album habe ich letztes Jahr totgehört. Das finde ich ganz, ganz toll. Natürlich freue ich mich auch darauf, befreundete Artists wie Paula Engels zu sehen.

Sonst: Kommt zu meiner Stage, bitte. Lasst uns den Tag gut beginnen.

I’m happy. Vielen Dank.

20:43 – Moderation
Perfekte Antwort. Du hast viele Dinge, auf die du dich freust, und wir haben viele Dinge, auf die wir uns mit dir freuen können.

Deshalb danke ich dir umso mehr, dass du dich hast bewerben lassen – und danke für deine Musik und dafür, dass du dir die Zeit für dieses Gespräch genommen hast. Das ist nicht selbstverständlich, das weiß ich. Ich freue mich sehr, dich auf der Bühne zu sehen. Ich werde davorstehen – wie hoffentlich alle anderen auch.

Danke dir für das Gespräch. Genieße es und genieße alles, was kommt.

21:10 – Liska
Vielen, vielen Dank.


Gespräch mit Boviy

21:12 – Moderation
Bei mir sitzt jetzt Boviy, was mich sehr freut. Danke, dass du dir die Zeit genommen hast. Herzlich willkommen bei uns.

Das Erste, was ich mich natürlich frage: Wie hast du eigentlich vom Game Changer erfahren? Wie hast du uns gefunden und warum hast du dich beworben?

21:28 – Boviy
Ich mag das Hurricane schon sehr, sehr lange. Erfahren habe ich tatsächlich davon durch meine Bookerin. Die hat mich darauf aufmerksam gemacht.

Ich fand die Idee total schön, zu sagen: Lass uns mal ein bisschen was für die Musikszene tun, lass uns was für FLINTA*s tun. Ich fand das eine tolle Chance, und deswegen haben wir uns beworben.

21:48 – Moderation
Du kennst das Festival also tatsächlich schon als Gästin. Das ist interessant. Ist das nicht auch so ein Full-Circle-Moment?

21:55 – Boviy
Ja. Ich habe tatsächlich sogar schon auf dem Hurricane gespielt – aber als Side Woman.

22:00 – Moderation
Ich will alles wissen.

22:03 – Boviy
Ich habe eine Zeit lang bei Axel Bosse gespielt, Keyboard und Gesang. Da haben wir auf dem Hurricane gespielt, sogar auf der Mainstage. Das war schon eine krasse Nummer.

22:19 – Moderation
Worauf können wir uns bei dir freuen? Weißt du schon ungefähr, wie dein Auftritt sein wird, welche Songs du spielst oder ob du etwas Besonderes vorhast?

22:31 – Boviy
Wir haben 30 Minuten. Das ist natürlich ein knapper Zeitraum. Das heißt, wir werden alle Songs vom Album spielen, die wir in 30 Minuten unterkriegen.

Das sind alles neue Songs, die noch niemand gehört hat. Ich freue mich sehr, dass ich die auf dieser Bühne zum ersten Mal live spielen darf. Das ist ehrlich gesagt voll crazy.

22:54 – Moderation
Das ist schon ein geiles Gefühl, kann ich mir vorstellen. Aber du bist es mittlerweile auch ein bisschen gewöhnt, oder? Nicht nur, dass du mit Axel Bosse und vielen anderen auf der Bühne stehst – du hast auch die Elbphilharmonie ausverkauft.

Wie war dein Weg in die Musik, bevor man deinen Namen kannte? Wenn ich richtig informiert bin, kommst du aus einer musikalischen Familie, oder?

23:16 – Boviy
Ja, genau. Ich bin vielleicht so ein kleines Klischee-Musikerkind. Meine Eltern sind beide Musiker*innen. Mein Vater ist Jazzpianist, meine Mom ist Chansonsängerin.

Als ich klein war, waren sie eigentlich ihr ganzes Leben lang auf Tour und haben uns auch mitgenommen. Ich habe noch drei weitere Geschwister. Das heißt, wir sind größtenteils wirklich im Tourbus groß geworden.

Es ist dieses Klischee-Musiker*innenleben: Man singt morgens zum Aufstehen, mittags zum Mittagessen und danach singt man zu sechst irgendwelche Chöre zu Hause. Musik war wirklich mein Leben von morgens bis abends.

Ich habe oft hinter der Bühne in Keyboard-Cases von meinem Dad geschlafen oder war immer mit auf Tour. Für mich war von vornherein klar: Ich will Musik machen.

Mit elf, zwölf habe ich dann eine sehr steile Karriere hingelegt. Ich wurde ein bisschen als „Wunderkind“ herumgereicht – was überhaupt nicht gestimmt hat –, aber ich wurde auf diversen internationalen Veranstaltungen von Unternehmen gebucht, habe mich selbst am Klavier begleitet und gesungen.

Relativ schnell war für mich klar, dass ich auf jeden Fall Musik machen möchte, aber keine Cover, sondern eigene Musik schreiben will.

Deswegen habe ich Abi gemacht, ein Stipendium sausen lassen, das mir angeboten wurde, und bin direkt nach Hamburg gezogen. Ich habe dort den Popkurs gemacht, aber nichts mit Musik studiert und auch keine Ausbildung gemacht. Ich habe direkt gesagt: Ich durfte schon so viel Erfahrung sammeln, ich möchte jetzt anfangen. Ich möchte direkt auf die Bühne und nicht erst noch warten.

Dann habe ich noch einen kleinen Umweg genommen. Mittlerweile werde ich oft als Solistin für Orchester gebucht, die Crossover-Konzerte machen. Das ist auch echt crazy, wenn man bedenkt, dass ich keine Ausbildung gemacht habe.

Dadurch kann ich von Musik leben – beziehungsweise konnte ich schon sehr früh von Musik leben. In der Hamburger Musikszene habe ich meine Leute gefunden. Mit denen mache ich jetzt Musik.

25:34 – Moderation
Musik – das ist ein großes Wort. Wie würdest du denn deine Musik beschreiben?

25:40 – Boviy
Eine Freundin, die gerade mein Album gehört hat – es ist noch nicht ganz fertig, aber fast –, hat gesagt: „Du machst NGO-Pop.“ Das fand ich irgendwie sehr lustig.

Der Begriff ist gerade in diversen politischen Kreisen eher negativ behaftet. Tatsächlich kann man sagen: Es ist im weitesten Sinne Popmusik. Es hat aber Alternative-Einflüsse.

Es bewegt sich zwischen Chappell Roan und Kate Bush. Es gibt viele 80s-Einflüsse. Man merkt, dass ich als Kind viele Beatles gehört habe und dass mein Dad Jazzpianist ist. Dazu kommt Chanson – irgendwie ist es ein Mash-up. Im weitesten Sinne ist es aber trotzdem Pop.

26:26 – Moderation
NGO-Pop musst du erklären. Ich kann mir denken, warum – aber ich glaube, es hängt viel mit deinem Engagement zusammen. Meinte sie das?

26:34 – Boviy
Ja. Musikalisch hört man es vielleicht nicht unbedingt, aber man hört es an den Texten. Ich bin sehr ehrlich, sehr transparent. Ich sage Dinge so, wie ich sie erlebt und erfahren habe.

Damit trete ich vielen Leuten manchmal auf die Füße, weil ich Dinge nicht beschönige. Leute sagen manchmal, ich sei so eine linksradikale Schanzenhippie-Person. Tatsächlich würde ich sagen: Ja, es ist auch so.

Ich singe viel über Queer Joy, über Girl Power und setze mich dafür ein. Das ist mir sehr wichtig – und das hört man sofort an den Lyrics.

27:23 – Moderation
Das freut mich, dass du das so gesagt hast. Jemandem, dem du sehr hörenswert auf die Füße getreten bist, ist beispielsweise J.K. Rowling – in „Gryffindor Girl“. Da sind wir auch schon bei einem Thema, das dich immer umtreibt: Diversität und Female Empowerment.

Kannst du dazu mehr sagen? Mir kommt es so vor – ich weiß nicht, ob das zutrifft –, dass deine Musik unglaublich leicht ins Ohr geht. Beim zweiten Mal Hören denkt man dann aber: Wahnsinn. Musikalisch ist das total fein aufeinander abgestimmt, die Dramaturgie ist stark. Und wenn man dann ein Lyric Video sieht, öffnet sich noch mal eine ganz neue Dimension.

Ist das etwas, das du von vornherein mitdenkst, wenn du Songs schreibst?

28:05 – Boviy
Nein. Ich habe relativ schnell gemerkt, dass es bei mir überhaupt nicht funktioniert, wenn ich versuche, Songs zu konstruieren.

Ich muss wirklich im Auto sitzen und 600 Kilometer geradeaus fahren oder so. Dann habe ich immer mein iPhone dabei und singe irgendwelche Sachen ein – natürlich keine fertigen Lyrics, aber Fragmente.

Es sind Dinge, die mich beschäftigen und die dann einfach rausrutschen. Später arbeite ich das aus. Aber es sind Themen, die mich im Alltag umtreiben und mit denen ich mich alltäglich beschäftige.

Ich beschäftige mich viel mit Politik und bin da sehr emotional, muss ich zugeben. Mittlerweile bin ich an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich solche Dinge ansprechen möchte, weil ich gemerkt habe – und auch finde –, dass wir als Gesellschaft an einem Punkt sind, an dem wir nicht mehr wegschauen können. Wir müssen laut werden, nicht nur für uns selbst, sondern auch für die Menschen in unserem Umfeld und für unsere Gesellschaft.

Ich glaube, nur dadurch kann man etwas verändern. Es passiert bei mir also ohnehin schon intrinsisch, aber ich bringe es dann noch mal zu Papier, stehe dazu und finde es sehr wichtig.

29:22 – Moderation
Wenn ich es richtig verstanden habe, kommen die meisten Songs dir völlig spontan. Du hast gerade die Autofahrszene beschrieben: 600 Kilometer geradeaus fahren, das Handy dabei – und dann kommt eine Idee.

Ist das eine Regel für deine Songs? Oder setzt du dich manchmal auch bewusst hin – vielleicht mit der Band zusammen?

29:40 – Boviy
Nein, es ist tatsächlich eine Regel. Ich habe oft versucht, mir ein Thema vorzunehmen und darüber zu schreiben. Das funktioniert bei mir wirklich gar nicht.

Ich brauche diesen Moment des Loslassens. Einfach mal frei sein, geradeaus fahren, unter der Dusche stehen oder irgendetwas, bei dem der Kopf kurz frei ist und man nicht über andere Dinge nachdenken muss.

Dann kommen irgendwelche Zeilen, Fragmente oder Melodieideen.

30:14 – Moderation
Du hast gerade noch etwas Spannendes erzählt: Du bereitest ein neues Album vor. Ist es zu früh, darüber mehr zu sprechen? Ansonsten musst du nichts sagen – aber wenn doch, sehr gerne.

30:23 – Boviy
Gerne. Es ist mein Debütalbum. Eigentlich war geplant, dass wir es schon Anfang des Jahres rausbringen. Aber ich wollte mir unbedingt mehr Zeit geben, weil ich gemerkt habe, dass ich noch so viel zu sagen habe.

Ich bin sehr happy, dass mein Label gesagt hat: „Du bekommst die Zeit, die du brauchst.“ Deswegen kommt das Album jetzt Ende Oktober – an Halloween. Ich bin ein riesengroßer Halloween-Fan.

Ich freue mich sehr. Das ist eine sehr aufregende Reise. Ich bin leider sehr perfektionistisch und bin froh, dass ich mit so einem kleinen Team zusammenarbeiten darf, das mir viele Freiheiten lässt und mich erträgt – während des Entstehungsprozesses und mit allem, was dazugehört. Manchmal brauche ich länger, fange noch mal von vorne an oder stelle alles um.

31:15 – Moderation
Ich weiß nicht, ob ich mir das einbilde, aber ich glaube, wir haben noch eine andere Künstlerin im Line-up – Florence and The Machine –, deren letztes Album an Halloween veröffentlicht wurde. Wenn mich nicht alles täuscht.

31:28 – Boviy
Oh mein Gott, das weiß ich gar nicht.

31:29 – Moderation
Ich hoffe, das bilde ich mir nicht gerade ein, aber ich bin relativ sicher, dass ich so etwas gelesen habe. Mit ihr hast du dann definitiv etwas gemeinsam. Von der Message her und vom Auftreten ist das, glaube ich, nicht die schlechteste Parallele, die man ziehen kann.

Was mich auch interessiert: Wie geht der Prozess vonstatten, ein Debütalbum zu schreiben, einzuspielen und zu mastern? Nimm uns mal mit – und bitte geh davon aus, dass wir alle keine Ahnung haben, wie so etwas abläuft.

32:04 – Boviy
Das Lustige ist, dass dir in der Branche in den letzten Jahren alle Menschen mit Erfahrung – oder Menschen, die vorgeben, Erfahrung zu haben – erst mal sagen, dass du als junge Künstlerin kein Album aufnehmen sollst.

Alle sagen: „Das lohnt sich nicht mehr. Für den Algorithmus musst du jeden Monat oder alle anderthalb Monate einen neuen Song, also eine Single, rausbringen. Irgendwann, wenn du 20 Songs hast, kann man die zu einem Album zusammenraffen und das rausbringen.“

Ich habe das eine Zeit lang gemacht, aber irgendwann gemerkt, dass ich das eigentlich gar nicht möchte. Ich verstehe, dass man dieses Game spielen muss. Aber ich wollte trotzdem, dass es nicht nur eine Aneinanderreihung irgendwelcher Singles ist, die ich mal geschrieben habe.

Ich möchte wirklich, dass es ein Album wird, das zusammenpasst und einen roten Faden hat. Den gibt es ohnehin schon in den Thematiken, mit denen ich mich befasse.

Dann bin ich zu meinem Label gegangen und habe gesagt: „Leute, ich würde gerne ein Album aufnehmen. Das bedeutet aber auch, dass ich jetzt ein bisschen Zeit brauche, in der ich keine Singles rausbringe.“

Interessanterweise stand für mich als Allererstes der Name des Albums fest, obwohl ich noch gar keine Songs hatte. Es heißt „Proudly Difficult“.

Das war etwas, das sich durch mein Leben gezogen hat: Leute haben mir gesagt, ich könne anstrengend sein, weil ich Dinge manchmal ganz genau nehme oder sage: „Hey, du hast gerade das gesagt. Überleg noch mal, das ist nicht so cool anderen gegenüber.“

Ich dachte irgendwann: Darauf bin ich eigentlich voll stolz. Ich setze mich für andere Menschen ein und kann mich mittlerweile auch für mich als junge Frau einsetzen. Das musste ich echt lernen.

Deswegen wollte ich ein Album über dieses Gefühl der Selbstermächtigung machen – als junge Künstlerin und junge Frau im Pop- und Musikbusiness. Ich wollte all meine Erfahrungen und alles, was ich bisher erlebt und durchgemacht habe, einmal da reinschmeißen.

Dann fängt man an, dafür Songs zu schreiben. Im besten Fall nimmt man sich sehr viel Zeit. Wenn Songs dabei herauskommen, die nicht passen, ist das nicht schlimm – dann verwirft man sie wieder und fängt von vorne an.

Das habe ich tatsächlich so gemacht. Ich habe viele Songs geschrieben und gemerkt: Die passen vielleicht nicht drauf, die passen nicht zusammen. Irgendwann ist man dann an dem Punkt, an dem man sagt: Jetzt habe ich alle Songs zusammen. Jetzt ist die Produktion so weit, dass man das in eine Soundcloud packt und rumschickt.

An diesem Punkt sind wir gerade.

34:53 – Moderation
Dann ist noch einiges zu tun. Was ich mega interessant finde, ist, was du eingangs gesagt hast: dass es sich heute angeblich nicht mehr lohnt, Alben zu machen.

Das ist etwas, über das ich auch als Hörer oft stolpere. Ich bin noch mit Alben groß geworden und finde es fast schade, dass heute alles so auf Kurzlebigkeit und Frequenz getaktet ist.

Ich finde es total gut, dass du dagegen angehst, weil du wahrscheinlich mehr zu sagen hast, als in einen Song passt. Über ein Album kann man immer noch eine Geschichte und eine Dramaturgie aufspannen, die in drei Minuten einfach nicht funktionieren.

35:32 – Boviy
Ja, das war tatsächlich auch der ausschlaggebende Punkt bei mir: Ich habe gemerkt, dass ich mehr Raum brauche, in dem viele Songs wirken können.

35:46 – Moderation
Du nutzt deine Reichweite und deine Musik gezielt, um dich für Themen starkzumachen, die dir wichtig sind. Darüber haben wir schon gesprochen.

Deshalb möchte ich dich noch mal ganz offen fragen: Was wünschst du dir konkret für weibliche und/oder queere Stimmen in der Musikbranche?

36:07 – Boviy
Für weibliche Stimmen wünsche ich mir erst einmal – und das ist ein sehr langer Weg, das ist mir bewusst –, dass wir nicht wieder zurückgehen, sondern nach vorne schauen und noch mehr daran arbeiten, dass weibliche Acts, weibliche Musikerinnen und generell alle weiblichen Menschen in der Musikbranche nicht sexualisiert und nicht von vornherein abgestempelt werden.

Es braucht ein Bewusstsein dafür, dass Frauen genauso gute Arbeit leisten können wie Männer. Ich weiß, manchmal denkt man: „Hä, da sind wir doch längst.“ Aber da sind wir leider eben noch nicht.

Ich habe gerade sogar das Gefühl, dass wir eher wieder zurückgehen, wenn man sich anschaut, welche Strömungen es gibt – nicht nur im Musikbusiness, sondern in der gesamten Gesellschaft.

Mir ist wichtig, dass man Frauen nicht als Objekt ansieht oder als Beiwerk – nach dem Motto: „Die kann hier ja nebenbei assistieren.“ Sondern dass man weiß: Frauen haben etwas zu sagen und können sehr viel an Entstehungsprozessen und generell mitwirken.

Ich merke immer wieder, dass ich vor allem als Frau und als junge Frau Erfahrungen gemacht habe, die zeigen, dass wir da noch nicht sind. Dafür setze ich mich sehr stark ein. Da bin ich auch frech und laut – und das nervt viele.

Ich glaube aber, dass das der einzige Weg ist. Wenn man sich die Geschichte anschaut, sind wir nicht da, wo wir heute sind, weil Frauen immer leise waren und leise gefragt haben: „Entschuldigung, könnte ich vielleicht …?“ Sondern weil Frauen laut waren.

Die zweite Sache ist: Wenn man sich unsere Gesellschaft anschaut, rutschen wir total ab in Hass und Hetze gegenüber marginalisierten Gruppen und gegenüber Menschen, denen es ohnehin schon nicht gut geht und die eine schwere Lebensrealität haben.

Viele Menschen kennen diese Lebensrealität nicht und können sich vielleicht nicht damit identifizieren – das verstehe ich. Trotzdem ist es so wichtig, dass wir alle aufeinander aufpassen.

Gerade in der queeren Szene sehen wir, dass sich Übergriffe häufen. Aber generell geht es auch um die Auffassung, dass Menschen mittlerweile denken, sie könnten über die Lebensrealität anderer Menschen entscheiden oder sich darüber eine Meinung bilden, die verletzend ist und diese Lebensrealität infrage stellt.

Da ziehe ich ganz klar einen Strich. Da möchte ich an der Bühnenkante stehen, laut schreien und mich dafür einsetzen, dass das so nicht weitergehen kann.

38:59 – Moderation
Dafür braucht es Stimmen wie deine, glaube ich. So, wie ich deine Musik erlebe: Man hört sie gerne, aber man hört dann auch zwangsläufig hin.

Ich glaube, es ist wichtig, Stimmen zu haben, die laut und selbstbewusst sind und mit einer gewissen Kraft auf Dinge aufmerksam machen, ohne gleich in dieses reine Anti zu verfallen. Das gelingt dir, zumindest meiner Ansicht nach, ganz ausgezeichnet.

Was ich auch wichtig finde und dich noch fragen wollte: Du bist ja nicht nur auf der Bühne engagiert und laut, sondern auch im Internet.

Mein Empfinden ist, dass die Dinge, die du angesprochen hast – diese Grabenkämpfe – auf Social Media noch einmal tausendfach verstärkt werden. Teilweise werden Diskussionen durch politische Interessengruppen, Bots und vieles mehr angeheizt. Es werden Debatten in einer Schärfe geführt, wie wir sie vorher gar nicht geführt haben.

Deshalb freue ich mich, dass du auch dort so aktiv bist – wahrscheinlich mit Absicht, oder?

40:15 – Boviy
Ja. Mir wurde lange Zeit geraten, mich aus politischen Angelegenheiten herauszuhalten. Mir wurde gesagt, es sei wichtig, Musik und Politik zu trennen.

Das wurde mir über viele Jahre geraten. Ich musste das richtig unterdrücken, weil es ein Teil von mir ist. Mir ist dieser moralische Wertekanon, den ich mit mir herumtrage, einfach so wichtig.

Ich fand es immer total befremdlich, dass ich mich auf Social Media nicht äußern darf oder nichts sagen sollte. Lange Zeit dachte ich, das sei der richtige Weg. Aber vor ein paar Jahren ist mir einfach der Kragen geplatzt.

Wenn ich mich dort aufgehalten habe, habe ich natürlich mitbekommen, was da mittlerweile abgeht und dass es von vielen User*innen zu einem rechtsfreien Raum ernannt wurde.

Ich finde es in der heutigen Zeit wichtig, dass man nicht die ganze Zeit denkt: „Es ist alles schon so anstrengend, alle sind zu laut.“ Sondern dass man merkt: Wenn wir mit unserem Wertekanon, der sich vielleicht überschneidet, jetzt nicht laut sind und uns auf allen Ebenen einsetzen – eben auch auf Social Media, wo es so schlimm ist –, dann ändert sich nichts.

Viele Menschen denken, sie könnten das, was sie mit sich herumtragen und denken, einfach mal schreiben. Oft lässt sich das dann auch in die Realität übersetzen.

Ich habe gedacht: Es ist jetzt an der Zeit, dass wir alle aufstehen und uns wirklich dagegen wehren.

Ich muss ehrlich sagen: Ich habe das ein bisschen unterschätzt. Ich habe mich in den letzten Monaten oft geäußert, viel Zuspruch bekommen und bin auch viral gegangen, wie man so schön sagt. Aber man kann sich wirklich nicht vorstellen, was man dann teilweise für Nachrichten bekommt.

Ich habe mehrere Anzeigen gestellt, weil da abgrundtief böse persönliche Nachrichten dabei waren, in denen einem wirklich schlimme Dinge gewünscht werden.

Ich verbinde das ja mit meiner Musik und mache das nicht wie krasse Aktivistinnen jeden Tag. Ich bekomme immer nur am Rande mit, was bei denen abgeht. Es ist schon echt krass düster, wenn man sich entscheidet, diesen Weg zu gehen.

Aber ich finde, es lohnt sich einfach, weil sich sonst nichts ändert.

42:39 – Moderation
Boviy, was soll ich sagen: Ich bin doppelt froh, dass du bei uns auf der Bühne stehst. Ich danke dir für deine Musik, aber auch für dein Engagement.

Ich freue mich auf den Auftritt. Zum Schluss wollte ich fragen, worauf wir uns noch freuen können. Du hast das neue Album in der Pipeline – zu Halloween. Kann man dich noch irgendwann live erleben oder konzentrierst du dich gerade voll auf das Album?

43:07 – Boviy
Es sind jetzt echt ein paar schöne Festivals reingeflattert – zum Beispiel das Hurricane. Das ist auf jeden Fall ganz geil. Rocken am Brocken auch, darauf freue ich mich sehr.

Ich freue mich immer auf Festivals. Fairerweise muss ich sagen: Ich habe mir diese Auszeit genommen und gesagt, ich möchte nicht so viel live spielen, sondern viel Zeit im Studio haben, weil ich nicht wusste, wie schnell wir vorankommen.

Aber ich freue mich wirklich sehr darauf, dass das Album im Oktober rauskommt. Das ist gerade das Hauptziel und das, worauf ich mich am meisten freue.

Und es ist auch schon crazy, auf dem Hurricane zu spielen. Das muss ich wirklich sagen.

43:52 – Moderation
Das ist eigentlich das perfekte Schlusswort. Ich danke dir sehr für deine Zeit und für alles, was du machst. Wir freuen uns auf deinen Gig. Mach’s gut.

44:01 – Boviy
Dankeschön. Tschüss.